Wie Tavariel den Stab erkannte

Die Tage in der Hainschule waren gezählt. Tavariel hatte gelernt, zu heilen, zu wachsen, zu lauschen. Doch etwas fehlte. Nicht in ihrem Wissen. Nicht in ihrer Gabe. Sondern in ihrer Seele.

Sie spürte es in den Nächten, wenn der Wind durch die Federn ihres Perlenbands strich. Sie spürte es in den Momenten der Stille, wenn der Trank in ihrer Fiole glimmte, ohne Grund. Ein Ruf – nicht laut, nicht klar, aber beharrlich.

Ihre Lehrmeisterin sah es. Sie sprach nicht davon. Aber sie wusste: Tavariel war bereit, zu gehen.

„Du bist eine Magierin,“ sagte sie am Morgen der Trennung, „aber du bist noch nicht ganz. Es gibt etwas, das dich ruft. Etwas, das nicht gelehrt werden kann. Du wirst es erkennen, wenn du es berührst.“

Tavariel verneigte sich. Nicht aus Gehorsam. Sondern aus Dank.

Mit dem Fellumhang über den Schultern, dem Trank an ihrer Seite und dem Wolfsherz in der Brust verließ sie den Hain. Sie ging nicht auf einem Pfad. Sie folgte keinem Stern. Sie folgte dem Flüstern.

Es führte sie durch Wälder, über Hügel, durch Nebel. Und eines Tages, als die Sonne wie Gold durch die Bäume brach, betrat sie die Gildenhalle von Thors Hammer.

Die Halle war ein lebendiges Mosaik aus Bewegung und Macht. Runen glühten in tiefem Blau, Lehrlinge eilten zwischen steinernen Säulen, Magier diskutierten über die Strömungen der Zeit. Kristallene Lampen warfen Licht wie flüssiger Bernstein auf die alten Böden.

Tavariel blieb stehen. Nicht aus Staunen. Sondern aus Lauschen.

Denn während ihre Augen das Treiben bewunderten, zog etwas anderes an ihrer Seele. Ein leiser Strom, kaum spürbar, doch unaufhaltsam. Nicht aus der Halle. Nicht aus den Stimmen. Sondern von oben.

Ein Turm erhob sich über die Gilde – schlicht, aber alt. Sein Dach war mit silbernen Schindeln gedeckt, die im Sonnenlicht wie Sternenstaub glitzerten. Und dort, in der obersten Kammer, saß Elvarin Thalor.

Er war in seine Arbeit vertieft, die Hände über Runen, das Herz in Flammen. Doch als Tavariel die Schwelle der Halle überschritt, hielt er inne. Nicht weil er sie sah. Nicht weil er sie hörte. Sondern weil der Stab vibrierte.

Ein sanftes Zittern durchzog das Holz, ein Puls, der nicht aus dem Material kam, sondern aus dem Geist. Die Federn raschelten, obwohl kein Wind ging. Der Amethyst glimmte – nicht hell, nicht laut, aber wahr.

Elvarin hob den Blick. „Sie ist da,“ sprach er leise. Nicht zu jemandem. Nicht zu sich. Sondern zum Stab.

Tavariel spürte es ebenfalls. Ein Ziehen, wie Wurzeln, die sich erinnern, woher sie stammen. Sie wandte sich ab vom Treiben der Halle, durchschritt die Gänge, stieg die Stufen – nicht aus Neugier, sondern aus Gewissheit.

Und als sie die Tür zur Werkstatt öffnete, erhob sich leiser Wind. Federn raschelten. Der Stab vibrierte – sacht, doch bestimmt.

Sie nahm ihn in ihre Hände – und der Amethyst sprach, nicht in Worten, sondern mit Licht. Ein violetter Puls, wie ein Herzschlag aus Sternenzeit.

Elvarin trat einen Schritt zurück und sprach: „Ich habe ihn erschaffen – doch er war auf dich bereitet.“

Tavariel, ohne Zögern, nannte ihn beim Namen, den sie niemals gelernt und doch immer gewusst hatte: „Eledhril.“ – Freund der Sterne.

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