Die Legende vom Ruf des Siegfried

Es war in jenen Tagen, als die Kunde von einem Drachen durch die Lande ging, der im Odenwald hauste und ganze Dörfer in Angst versetzte. Sein Name war Fafnir, ein uraltes Wesen, dessen Atem die Erde verbrannte und dessen Zorn selbst die Krieger von Worms erzittern ließ.

Siegfried, Sohn des Siegmund, immer auf der Suche nach Abenteuer, Ruhm und Reichtum fühlte sich berufen auszuziehen um diesem Ungetüm ein Ende zu bereiten. Doch er wusste, dass dieses Unterfangen kein Leichtes werden würde und schlaue Vorbereitungen bedarf.

Er hatte von der Gilde Thors Hammer gehört. Eine Gilde von mächtigen Magiekundigen und Runenwebern. Bewandert auch in Natur- und Bestien-Kunde. Sie seien Meister alter Kräfte und vereinten das Wissen von Jahrhunderten.

Genau dieses Wissen war es, welches Siegfried sich im Kampf gegen den Drachen zu eigen machen musste um bestehen zu können.

So entsandte er einen Boten auf dem schnellsten Ross um der Gilde eine Nachricht zu überbringen:

„Siegfried, Sohn des Siegmund, ruft die Gilde Thors Hammer.

Ein Drache erhebt sich im Odenwald und seine Macht ist groß, doch seine List noch größer.

Ich erbete Euren Beistand ihn darnieder zu strecken.“

Als der Bote die Hallen der Gilde betrat, wurde er sogleich in die Räumlichkeiten von Archomagus Elvarin Thalor vom Erlenquell gebeten. Dort war Elvarin gerade in einer Unterhaltung mit Erzmagistra Tavariel vertieft, als die Tür knarrend aufgerissen wurde.

Noch außer Atem fing der Bote mit seiner Nachricht an zu stottern.

„So setz Dich und trink einen Schluck von unserem Tee!“ unterbrach ihn Tavariel und bot ihm einen Stuhl dar.

Dankbar nahm der Bote einen Schluck und atmete tief aus.

Als die beiden seine Nachricht hörten, blickten sie sich gegenseitig an. Wissend, was der jeweils andere gerade dachte.

„So geh nun und berichte Deinem Herrn, dass wir uns in einer Woche in Worms treffen werden!“

Nachdem der Bote die Hallen verlassen hatte, legte Tavariel die Fingerspitzen aneinander, ein stilles Zeichen des Nachdenkens. Elvarin trat ans Fenster, blickte hinaus in den Hof der Gilde, wo Lehrlinge Holz spalteten und Runensteine sortierten. Der Wind trug den Duft von Harz und Schmiedefeuer herein.

„Eine Woche…“, murmelte er. „Gerade genug Zeit, um das Nötigste vorzubereiten.“

Tavariel nickte. „Und um die alten Aufzeichnungen zu sichten. Wenn Fafnir wirklich einer jener Drachen ist, die instinktiv sammeln, was sie nicht verstehen… dann könnte in seiner Höhle etwas liegen, das wir seit Jahrhunderten suchen.“

Elvarin wandte sich ihr zu. „Die Kerzen?“

„Vielleicht.“ Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Oder etwas Ähnliches. Etwas, das nicht in den Klauen eines Drachen bleiben darf.“

Sie schwiegen einen Moment. Nicht aus Unsicherheit – sondern aus Respekt vor dem, was unausgesprochen zwischen ihnen stand.

Tavariel und Elvarin brachen auf. Nicht mit großem Gefolge, nicht mit Pomp – sondern als Zweierbund, wie es die Gilde in heiklen Angelegenheiten bevorzugte.

Der Weg führte durch Wälder, über Hügel, vorbei an Mühlen und kleinen Dörfern, deren Bewohner sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Hoffnung betrachteten. Die Kunde vom Drachen hatte sich weit verbreitet.

Als sie Worms erreichten, wartete Siegfried bereits am Stadttor. Er stand dort wie ein Fels, die Sonne spiegelte sich auf seinem Schwert, und doch war in seinen Augen ein Funken Erleichterung zu sehen, als er die beiden Magier erblickte.

„Ihr seid gekommen“, sagte er schlicht.

„Natürlich“, antwortete Tavariel. „Ein Drache bedroht das Land. Und Ihr habt um Hilfe gebeten.“

Elvarin musterte Siegfried kurz, dann den Himmel über Worms. „Wir brechen sofort auf. Der Odenwald wartet nicht.“

Siegfried nickte. „Dann lasst uns keine Zeit verlieren.“

Gemeinsam ritten sie hinaus aus Worms, hinein in die Wälder, deren Schatten immer dichter wurden. Der Wind wurde kühler, der Boden dunkler, und die Luft trug den fernen Geruch von verbrannter Erde.

„Er ist nah“, sagte Siegfried leise.

Elvarin schloss die Augen und legte eine Hand auf den Boden. „Ja. Und er ist unruhig.“

Tavariel hob ihren Stab. „Dann sollten wir vorbereitet sein. Denn Fafnir schläft nicht.“

Und so begann der Weg, der sie tief in den Odenwald führen sollte – zu Feuer, zu Kampf, und zu zwei unscheinbaren Kerzen, deren Macht die Gilde für immer verändern würde.

Der Pfad wurde schmaler, je tiefer sie in den Odenwald ritten. Die Bäume standen dicht wie Wächter, ihre Kronen verschlangen das Licht, und der Boden war von alten Wurzeln durchzogen, die sich wie Schlangen unter den Hufen der Pferde wanden.

Einmal blieb Siegfried stehen, hob die Hand und lauschte. Nur der Wind antwortete – doch er trug etwas in sich, das nicht dorthin gehörte.

„Er beobachtet uns“, murmelte er.

Tavariel nickte kaum merklich. „Drachen spüren Eindringlinge lange, bevor man sie sieht.“

Elvarin legte die Fingerspitzen an die Rinde eines alten Baumes. „Und dieser hier ist alt. Sehr alt.“

Je weiter sie ritten, desto deutlicher wurden die Spuren:

  • verkohlte Baumstämme
  • geschmolzene Steine
  • kreisrunde Stellen, an denen kein Moos mehr wuchs
  • tiefe Furchen im Boden, als hätte etwas Schweres sich hindurchgeschoben

Siegfried kniete sich an eine der Furchen und fuhr mit der Hand darüber.

„Frisch“, sagte er. „Er ist nicht weit.“

Tavariel hob den Blick zum Himmel. „Und er ist wach.“

Als die Sonne hinter den Bäumen versank, erreichten sie eine Schlucht, deren Wände schwarz und scharfkantig waren. Am Ende der Schlucht lag ein gewaltiger Höhleneingang – so groß, dass selbst ein Riese hindurch hätte schreiten können.

Ein heißer Wind strömte ihnen entgegen. Er roch nach Schwefel, nach altem Blut und nach etwas anderem… etwas Metallischem, das Tavariel und Elvarin sofort erkannten.

„Artefaktgeruch“, flüsterte Elvarin. „Er ist schwach, aber er ist da.“

Siegfried zog sein Schwert. „Was immer er hortet – es gehört ihm nicht mehr.“

Tavariel hob die Hand. „Noch nicht. Erst müssen wir ihn stellen.“

Ein tiefes Grollen vibrierte durch den Boden. Staub rieselte von den Felsen. Dann – ein Atemzug, so heiß, dass die Luft flimmerte.

Aus der Dunkelheit der Höhle öffneten sich zwei Augen. Groß wie Schilde. Glühend wie geschmolzenes Erz.

Fafnir erhob sich.

Seine Schuppen schimmerten im Gold des Schatzes, in welchem er sich suhlte. Seine Klauen waren lang wie Sicheln, und sein Atem ließ den Boden unter ihnen aufbrechen.

Siegfried stellte sich vor die beiden Magier. „Bleibt hinter mir.“

Elvarin schnaubte. „Wir sind nicht hier, um hinter dir zu stehen.“

Tavariel hob ihren Stab, und ein Licht entflammte an seiner Spitze – hell, klar, unerschütterlich.

„Fafnir!“, rief sie. „Deine Zeit ist gekommen!“

Der Drache brüllte, und der Wald erzitterte.

Was folgte, war ein Kampf, der später in Liedern besungen wurde:

  • Siegfried stürmte vor, sein Schwert wie ein Blitz
  • Fafnir spie Feuer, das die Erde schmolz
  • Tavariel webte Lichtbarrieren, die das Drachenfeuer brachen
  • Elvarin schleuderte Flammenrunen, die wie Speere durch die Luft schnitten

Der Drache schlug mit seinem Schwanz, zerschmetterte Felsen, ließ Bäume wie Strohhalme brechen.

Doch die drei hielten stand.

Siegfried traf Fafnir an der Flanke. Tavariel blendete ihn mit einem Lichtstoß. Elvarin schickte eine Welle aus Feuer, die den Drachen zurückdrängte.

Fafnir brüllte ein letztes Mal – ein Laut, der den Himmel erzittern ließ – und stürzte zu Boden.

Der Odenwald wurde still.

Als der Rauch sich legte, betraten sie die Höhle.

Gold. Silber. Edelsteine. Waffen aus alten Zeiten. Schätze, die Könige hätten reich gemacht.

Doch Tavariel und Elvarin gingen daran vorbei, als wären es Kieselsteine.

Sie suchten etwas anderes.

Und tief im hintersten Winkel der Höhle, zwischen Knochen und verkohlten Balken, lagen zwei unscheinbare von Fafnirs heißem Atem leicht beschädigte Kerzen:

  • eine mit dem sanften Antlitz einer Walküre
  • eine mit dem Antlitz eines Drachen

Elvarin hob sie vorsichtig auf und reichte sie Tavariel. „Da sind sie.“

Sie nickte, als sie die Stücke entgegennahm. „Die Zeit und Fafnir haben ihre Spuren hinterlassen…“ Ihr Blick musterte die Kerzen eindringlich von allen Seiten. „Aber ihre Magie ist ungebrochen und stark spürbar!“

Da trat Siegfried zu ihnen, eine Augenbraue abwertend erhoben. „Kerzen? Das ist alles?“

Elvarin lächelte. „Für dich vielleicht.“ Und Tavariel ergänzte: „Für uns beginnt hier eine neue Geschichte.“

Während Siegfried voller Zufriedenheit in das dunkelrote Drachenblut stieg, fing Elvarin an, leise Worte zu flüstern.

Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, ein Wispern, das sich zwischen den Felsen verlor und doch die Luft selbst erzittern ließ.

Er hob zwei Finger, zeichnete ein kleines, unscheinbares Zeichen in die Luft – ein Kreis, ein Schnitt, ein Funke – und sprach:

„Möge Nebel sein, wo Erinnerung war. Möge Stille sein, wo unser Name stand. Was du gesehen hast, vergehe wie Tau im Licht. Was du wusstest, sinke in Schlaf. Geh deinen Weg, Siegfried – frei von uns.“

Ein sanfter Wind erhob sich, kaum spürbar, doch er trug die Worte wie Federn davon.

Siegfrieds Blick wurde für einen Moment glasig, als würde er in weiter Ferne etwas suchen, das ihm gerade entglitt.

Dann blinzelte er, schüttelte den Kopf und lachte leise, zufrieden mit seinem Sieg.

„Ein guter Tag“, murmelte er. „Ein sehr guter Tag.“

Der sanfte Wind wehte ein Eichenblatt herbei, welches sich auf die Schulter von Siegfried legte, bevor er in das blutige Bad vollends eintauchte.

Als er wieder auftauchte, war er allein. Allein mit sich und seiner eigenen, ruhmreichen Heldentat.

Tavariel und Elvarin waren bereits auf dem Weg zurück in die Gilde.

„Der alleinige Ruhm fordert seinen Preis.“ sagte Tavariel in Gedanken an die von Drachenblut unbenetzte Schulter des Helden.

„Und unser Lohn sind die Kerzen der Walküre Sigrun sowie des Drachen Fafnir.“ schloß Elvarin.

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